• Anna Rothärmel

DIE DOPPELMORAL

Duden: Verschiedene Grundsätze gelten lassende, zweierlei Maßstäbe anlegende Moral.


Man kann nun behaupten, ein Bild von Julia Klöckner würde neben diese Definition derzeit gut passen. Als Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz sind ihr Natur und Tiere ein Anliegen, könnte man meinen. Stattdessen brachte sie ein Gesetz auf den Weg, das Kastenstände für Sauen in der Tierschutznutztierhaltungsverordnung legalisiert, die so klein sind, dass die Tiere darin noch nicht einmal ihre Gliedmaßen ausstrecken können. Nach monatelangem Hin und Her hat der Bundesrat übrigens immer noch nicht darüber abgestimmt. Wobei, hat er schon, allerdings lag anscheinend eine fehlerhafte Vorlage vor. Und so geht das Leid der Sauen weiter. Großes Kino.


Er ist auch angepisst. Kann's verstehen.



Doch damit nicht genug: Stolz postete sie letztes Jahr auf Twitter, dass sie einen großen Lebensmittelkonzern dazu brachte, gesündere Produkte anzubieten. Blöd nur, dass es sich dabei um Nestlé handelte, einer der größten Umweltsünder der Welt.



Und weil aller guten Dinge bekanntlich drei sind, machte sie auch vor ein paar Wochen eine Arschbombe in ein Fettnäpfchen: Sie kochte mit Johann Lafer einfache Gerichte für die Quarantäne-Zeit, mit Fleisch aus der schlechtesten Haltungskategorie. Auch wenn sich die Show um die Beschaffung der Zutaten kümmerte, hätte man schon ein wenig mehr von ihr erwarten können. Von Lafer übrigens auch.



Wenn es um Doppelmoral geht, weiß sich Frau Klöckner allerdings in bester Gesellschaft. Während der monatelang anhaltenden Buschfeuer in Australien 2019 hagelte es für Siemens-Vorstand Joe Kaeser vor allem von Fridays for Future Aktivistin Luisa Neubauer heftig Kritik: Der Konzern sollte dort beim Bau eines der größten Kohlebergwerke der Welt beteiligt sein, plante mit Siemens Energy aber gleichzeitig ein Unternehmen für umweltfreundlichere Energie. Petitionen gegen die Beteiligung am Kohlekraftwerk blieben erfolglos: Der Bau startete, Kaeser bot Neubauer einen Posten im Aufsichtsrat von Siemens Energy an, sie lehnte dankend ab. Ihren Vorschlag, Wissenschaftler von Scientists for Future aufzunehmen, wies er mit den Worten zurück, man hätte bereits genügend Wissenschaftler. 1:0 für Luisa. Wie gehen diese Dinge zusammen? Auf der einen Seite will man die Welt für Mensch, Natur und Tier verbessern, auf der anderen Seite tut man alles, um ihnen zu schaden. Gier? Profit? Lobbyismus? Möglich. Doch nicht nur ein paar Wenige sind Paradebeispiele für eine derartige Doppelmoral, sondern auch die Bevölkerung selbst.

Viele schreien nach mehr Umweltschutz, fliegen aber trotzdem jedes Jahr mindestens einmal in den Urlaub oder fahren selbst die kürzesten Strecken mit dem Auto. Man weiß über die Bedingungen der Massentierhaltung und kauft trotzdem das Fleisch im Supermarkt à la Lafer. Muss ja so sein, denn ohne Nachfrage gäbe es kein Angebot. Wenn jeder strikt nach den Prinzipien leben würde, die man von sich selbst und anderen erwartet, wären alle Flüge gestrichen, jeder würde vegan leben oder zumindest ausschließlich bio und regional kaufen und Fahrräder statt Autos würden das Straßenbild prägen. Doch dieser Verzicht kommt für viele nicht in Frage. Und da haben wir sie … die Doppelmoral. Sie steckt in vielen von uns. Bei den einen mehr, bei den anderen weniger.


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